Posts Tagged ‘Kinder-und Jugendliteratur’

Carina Bargmann: Sayuri

Sayuri: Das zu schreiben war viel Arbeit und hat sicherlich auch Spaß gemacht.

Da muss es noch einen Folgeband geben. So ist zumindest das Ende aufgebaut.

Anfangs war mir gar nicht klar, wer wer ist und was das alles soll. Irgendwie wurde ich durch die Namen verwirrt(zwei japanische und sonst fantasievolle Namen aus der ganzen Welt). Es wird eine andere Welt als unsere beschrieben. Neben Fremdem gibt es auch Vergleichbares. Und die Menschen sind ein großer Teil dieser anderen Welt. Durch kleine Details wird versucht die Andersartigkeit beizubehalten. Zwei Monde oder Fabelwesen, andere Pflanzen. Für meinen Blickwinkel interessant ergeben sich zwei Strukturen in dieser Welt. Einmal gibt es die stark Hierarchische und zum anderen die spontane Arbeitsstruktur Gleichwertiger. Frau Bargmann hat den Roman als noch nicht Volljährige geschrieben. Sie ist mit den aktuellen Fragen um unsere Demokratie groß geworden und gibt die für mich auch in meinem Umfeld sichtbaren Antworten dieser Generation. Das finde ich spannend.

Ihre jugendlichen Helden leben in einem Stadtstaat, der ein Kaiserreich ist. Den Anspruch auf dieses Amt hat ein ganz bestimmter Mensch. Denn er kann etwas, was ihn/sie zum Retter der Gesellschaft macht. Es geht um Wasser. Daher kann dieses System auch gar nicht in Frage gestellt werden. Allerdings werden die Menschen schlecht „verwaltet“. Und da hagelt es Kritik, denn Teile der Gesellschaft werden vom Wichtigsten ausgeschlossen. Dafür gibt es keine wirklichen Argumente und so protestieren die Unterdrückten. Das tun sie nun ihrerseits nicht mit organisiertem Handeln. Es gibt in allen Stadtvierteln unabhängig handelnde Organisationen(Banden). Und die treffen sich, verbunden durch besonders angesehene Menschen an unterschiedlichen Orten. Ich würde es einem „flashmob“ gleichsetzen. Es gibt eine spontane Verabredung und alle Angesprochenen kommen dazu. Es werden Informationen ausgetauscht. Doch was jeder macht, entscheidet er selbst. Da können Gemeinschaftsaktionen herauskommen oder eben nicht. Darin soll dann die besondere Stärke liegen. Jeder macht das, was er kann.

Das geht dann auch mal schief. Und es wird gehandelt auch wenn man weiß, dass ein Teil der anderen nicht einverstanden ist. Es wird nicht um Einheit geworben oder gar Druck ausgeübt. Zum Glück haben unsere Helden immer die stärksten Anführer bei sich und können am besten argumentieren.

In der letzten großen Schlacht ist es notwendig sich zusammenzuschließen. Der Feind ist so offensichtlich überlegen. In diesem Falle ordnen sich alle einem gemeinsamen Plan unter. Das ist nur an dieser Stelle des Romanes so. Die Zentauren, die unseren Helden helfen sind wieder klar militärisch aufgestellt.

Organisationen, die zu einer Aktion aufrufen und eine festgelegte politische Position haben werden nicht als Option zum Handeln herangezogen. Das, denke ich, ist genau das, was heute Jugendliche über unseren Staatsaufbau empfinden. Organisationen werden in ihrer Struktur und der inhaltlichen Vorgabe als nicht sinnvoll für das eigene Handeln gesehen. Es entstehen neue Formen, wie bestimmte Gruppen sich zum gemeinsamen Handeln zusammenschließen. Und nur, weil man eine Aktion zusammentat, heißt es nichts über die Übereinstimmung in anderen Fragen. Diese Vorstellung über gesellschaftliche Aktivität hat Frau Bargmann schön in ihrem Roman verarbeitet. Ich bin gespannt, ob es sich auch in unserer Realität so entwickeln lässt. Es nimmt die gestiegene Individualität und die so unterschiedlichen Biographien besser auf.

Darüber habe ich mich gefreut in diesem Roman.

Es gibt auch Kleinigkeiten, die nicht so ganz stimmig sind. Das liegt, glaube ich, am Alter der Autorin und verschwindet irgendwann von allein. Auf Seite 417 beschreibt sie, wie Marje erstaunt wahrnimmt, wie schnell die Leute im zerstörten Minenlager beginnen sich einen neuen Lebensalltag zu organisieren und vermutet, dass sie über die traumatischen Erlebnisse hinweg gekommen sind. Das kann natürlich nicht sein. Doch das Überleben zu organisieren ist eben lebensnotwendig. Wem fällt so etwas im Text schon auf? Ich bin halt an dieser Stelle ins Grübeln gekommen und war draußen.

Egal, eine tolle Geschichte.

Auserwählt von Patricia Schroeder

Er liest sich gut, dieser ganz und gar ausgedachte Roman. Es ist wie immer bei Frau Schröder ein Liebesroman. Diesmal liefert den Rahmen dafür ein krimihafter Aufbau mit einer Verstrickung in eine Sekte. Das wird sogar richtig spannend. Yara ist 16 und erlebt ihre Mutter als eine nicht wirklich fassbare Frau, die in einem langen Streit mit ihrem Mann lebt. Dazu gehört noch die kleine Schwester. Wir erleben mit, wie die Mutter auch ihre Töchter in eine Sekte hineinzieht.

Wir folgen diesem Roman aus der Sicht von Yara. Sie ist die Ich-Erzählerin, die uns in ihre Gedanken blicken lässt und aus deren Begegnung mit den anderen Charakteren sich der Roman aufbaut. Alltagssituationen vermischen sich mit außergewöhnlichen esoterischen Erfahrungen. Ja und natürlich ist die erste Liebe für Yara die letztendlich wichtigste Erfahrung. Es gibt eine begrenzte Anzahl von Charakteren. Die vier Familienmitglieder, eine Mitschülerin und den Freund, und natürlich Mitglieder der Sekte.

by amazon by Fischer Verlag

Die Mutter ist die Verführte und der Vater der Bodenständige. Da ist gut und böse gleich klar. Das ist bei den wenigen Personen notwendig, stößt mir aber unangenehm auf. In allen Familien, die in Berührung mit der Sekte kommen, sind es die Frauen, die verführt werden. Sie lösen sich aus dem Familienverbund und zahlen viel Geld für ihre Teilnahme an Seminaren. Was gut verständlich wird ist, wie die Verstrickung zwischen erstrebenswerten Zielen im Verhalten und Unterordnung schleichend voranschreitet. Das hat mir gut gefallen. Allerdings darf man nicht zu genau darüber nachdenken, denn manches scheint fragwürdig. Besonders die Konstruktion der Mutter ist da zu nennen. Sie ist mißbraucht worden von ihrem Vater. Das ist ihr Grundkonflikt. Interessant ist mal zu sehen, was denn aus den mißbrauchten Kindern wird, wenn ihnen nicht geholfen wird. Denn es ist eben nicht so, dass Gewalterfahrungen einfach weggesteckt werden. Die Mutter also hatte keine professionelle Hilfe und trägt diese Verletzung und Verunsicherung in sich. Dadurch wird sie nun leicht zum Opfer für seelenfrieden versprechende Gurus. Ihr wird eine Therapie vorgeschlagen am Ende des Romanes. Was nun nicht passt ist, dass genau diese Frau Diplompsychologin sein soll. In der Ausbildung müssen sich alle werdenden TherapeutInnen auf eigene Analysen einlassen. Das sie daraus so gar nicht verständiger herausgehen soll, ist fragwürdig. Zudem arbeitet sie bei Pro Familia. Sorry, da gibt es sicher auch abgedrehte Menschen, doch ist diese Arbeit so gar kein Zuckerschlecken, dass mir das mit Esoterik nicht zusammenpasst. Vielleicht gibt es das ja. Ich kenne Pro Familia nicht so.

Was mir gut gefallen hat, war die Vermischung von anstrebenswerten Zielen mit der Aufgabe der eigenen Selbständigkeit. Denn die Verführung passiert ja nicht offensichtlich, sondern eher subtil. So fordert die Mutter vom Vater im Grunde keine völlig falschen Dinge. Das Loslassen von überkommenen Anforderungen und Werten; das sich Besinnen auf die Gegenwart und nicht ständig Grübeln; das Liebe nur dann groß sein kann, wenn man den anderen nicht für seine eigenen Defizite mißbraucht , was keiner von uns ohne Anstrengung kann…..Da steckt ja ganz viel drin, was uns allen gut täte. Der Wunsch nach einem besseren erfüllteren Leben führt nun in diesem Falle in eine verschlechterte Lage. Denn nicht die Selbstbestimmtheit wird erreicht, sondern eine Pseudozugehörigkeit zu einer Gruppe. In der herrschen von außen nicht mehr beeinflussbare Regeln, die eine Unterdrückungshierarchie aufbauen. Das wird einfach und klar aufgezeigt.

Wer mal einsteigen möchte in die Thematik als junge Leserin, dem kann ich dieses Buch empfehlen. Doch gefallen mir die Verkürzungen der Personen und die Klischees nicht. Sie gießen nur Öl in eine unaufgeklärte Mediensensationskampagne. Auch wenn ich an Yaras Gedanken manchmal zweifele, weil sie so erwachsen klingen, so erscheint sie doch als aktive und gescheite junge Frau, die sich ihren Weg suchen will. Das ist mir in einem Jugendroman ein wichtiger Aspekt.

Ich, Elias von Luca Bloom

Wenn ich mir die Rezensionen durchlese, die Jugendliche zu diesem Buch geschrieben haben, dann sind doch einige LeserInnen sehr zufrieden und ich sehe mich wieder eher am Rand stehen. Nach den ersten 30 Seiten wollte ich das Buch weglegen. Die Art und Weise, wie über Mädchen geredet und gedacht wird, hat mich sehr angestrengt.

Zum Glück sah ich in meinem Frust noch einmal nach den Rezensionen. Und hätte Ulf Cronenberg nicht eher begeistert über das Buch geschrieben, wäre es das Ende gewesen.

Doch durch die Beschreibung gab ich Herrn Bloom, der eine Frau ist noch eine Chance. Und wirklich: Ab der Mitte werden andere Worte benutzt, kommt wirkliche „Liebe“ und damit ein Wandel in der Ausdrucksweise hinein. So wie Elias innerlich in diese Liebe wächst, wächst auch dieser Roman und verbessert sich die Glaubwürdigkeit der verwendeten Sprache.

Am Anfang ist es kaum zu ertragen, wie mies sich Elias selber beurteilt. Auch die Beziehungen, die er führt sind absolut unbefriedigend. Nichts ist da, was ihn groß werden lässt. Dazu die abwertenden Bezeichnungen für Frauen wie „Sportlesbe“ für die in einer Frauen-WG lebenden Sportlehrerin. Nee!! Das fand ich zu dick aufgetragen vom Autor. Das mag ich auch nicht.

Der dramatische Höhepunkt ist das Zusammengeschlagenwerden durch einen ihm unbekannten Mann. Elias war von einer etwas älteren Frau verführt worden -also zwei Menschen möchten zusammen Sex erleben – und ihr Mann rächt sich an Elias dafür.(HÄ?) In der Öffentlichkeit wird Elias brutalst zusammengeschlagen und getreten. Niemand hilft. So ein Erlebnis löst bei den Opfern traumatische Erfahrungen aus an deren Folgen sie lange leiden.

Nicht so Elias. Er sagt auch noch, dass ihm das zu Recht geschehen wäre. (!!!!!!)

 

Wenn ich aus meinem Blickwinkel: „Wie spiegelt sich die Demokratie im aktuellen Jugendroman wider“ auf dieses Buch schaue, dann sieht es ganz mau aus. Alle Personen werden nicht ernst genommen, abgewertet. Das Ende lässt Elias zurück in einer Trauer, aus der man ihn nicht wachsen sehen kann. Ich verstehe den Wunsch von LeserInnen nach einem zweiten Teil. Was ist denn mit Elias geschehen? Das alles fehlt. Na klar kann man Bücher schreiben, die eine bestimmte Situation beschreiben und wie man sich darin fühlt. Für die positive Weiterentwicklung, hin zu einer besseren Welt dient dieser Roman nicht. Da ist nichts in den Charakteren, nichts in der Story, was man mitnimmt. Es ist eher wie eine Cola. Trinken und fertig.

Würde unsere Gesellschaft das Prinzip der unversehrten Intersubjektivität(*) achten und wir uns alle als gleichwertig anerkennen, dann gäbe es diesen Roman nicht. Insofern sagt er schon etwas über unsere „Demokratie“ aus.

 

 

(*) Verena Kast: Vom Sinn des Ärgers

Seite 205

Tamara Bach: „Jetzt ist hier“

Meine erste richtige Rezension und dann noch von einer Rezension! So war die Aufgabe diesmal im Rahmen der Stube. „Schreiben Sie eine Rezension einer Rezension.“ Öh, hatte ich das schon jemals gemacht? Wie schreibt man eine Rezension. Nach meiner Suche im Netz kam nun folgendes heraus:

Ulf Cronenberg schrieb in seinem Jugendbuch-Blogarchiv diese Beurteilung. Und ich nun davon meine:

Inhaltlicher Überblick:

Mit einem Verweis auf den ersten Preis für das Buch erklärt der Autor, warum er diese Rezension geschrieben hat. Dann fasst er den Inhalt zusammen, indem er die vier Hauptcharaktere kurz in ihrem Hauptproblem skizziert. Er reißt die Vorstellung nur an und deutet mit drei Punkten an, dass es noch mehr zu sagen gäbe. Dann folgt seine Bewertung des Buches. Dabei geht er auf die Erzählweise, die Lebensbeschreibungen und die verwendete Sprache besonders ein. Sein Fazit bezieht sich auf die gelungene Darstellung des Lebensgefühls von Jugendlichen.

Kontextualisierung:

Herr Cronenberg ordnet das Buch nicht einer Gattung zu, doch schon bei der Beschreibung des Inhaltes erkennt man den Adoleszenzroman wieder. Die geistige- und soziokulturelle Umbruchphase steht im Mittelpunkt ist zentrales Handlungsmotiv. Alle vier haben nichts vor, hängen herum, beschreibt Herr Cronenberg die Situation. Alle vier haben nach der Woche, in der wir sie erleben dürfen eine Entwicklung vollzogen, die aber nicht in einer Lösungsvermittlung mündet.

Mit einer Leichtigkeit beschreibt Cronenberg die Jugendlichen. Da er selber viel mit Jugendlichen als Schulpsychologe arbeitet, stöhnt er bei der Verstricktheit der Jugendlichen in die Beziehungen untereinander und zur Familie nicht auf, sondern betont die Nähe zur Lebenswirklichkeit Jugendlicher. Sie sind sie miteinander befreundet. Nicht mehr und nicht weniger. Es wird keine Tiefe der Freundschaft angegeben. Sie wechselt ja auch. Er verurteilt auch niemanden. Zum Beispiel beschreibt er Zanker so, dass der/die LeserIn sich ein eigenes Bild von ihm machen kann. Es wird offen gelassen, ob Zanker so ist, wie sein Vater ihn beschreibt. Es gibt durch Herrn Cronenberg auch keine Gewichtung in den Problemen der Jugendlichen. Bowie, dessen Kummer und Trauer über den Tod der Mutter ihn stark gefangenhält, hat kein größeres, schwerwiegendes Problem als Mono und Fienchen mit ihrem Liebeskummer.

Um alle vier Hauptcharaktere verfolgen zu können und zwar möglichst zeitnah, wird zwischen den Charakteren ständig gewechselt.

Wir erleben die Vier von einer gleichbleibenden Perspektive, die wie eine Draufschau uns die Dialoge und Gedanken mitteilt. Auch von dort gibt es keine Bewertung der Charaktere. Diese Erzählweise fasziniert den Autor besonders. Denn er möchte den unterbrochenen Erzählstrang möglichst bald weiterverfolgen. Auch lernt man Bowie, Fienchen, Mono und Zanker dadurch doch so gut kennen, dass sie vertraut werden.

Ein Punkt, der diesen Prozess unterstützt, ist die verwendete Sprache. Herr Cronenberg beschreibt sie als assoziativ, „als würden die Gedanken aus den Köpfen in das Buch fließen.“

Damit drückt er aus, was Frau Bach besonders gelingt. Sie verwendet eine Ausdrucksweise, die der Jugendsprache zu zuordnen ist. Alle ihre Personen sprechen und denken so, dass ein schlüssiges Bild entsteht. Sie wirken nicht mit Jugendsprache überzogen oder schablonenhaft. Diese Sprache: Einwortsätze, Dialoge, Gedanken ist sehr geeignet, eine direkte Übertragung der Gefühle von der Person auf den/die LeserIn zu ermöglichen. Es ist durch diese Struktur der Texte ein neuer moderner Roman entstanden.

Eigene Stellungnahme:

Diese Rezension hat mir durch die Gelassenheit, die Herr Cronenberg dem Werk und den Problemen der jungen Menschen darin entgegenbringt, so gut gefallen. Andere RezensentInnen habe ihre Betroffenheit zu dem einen oder anderen Thema stärker eingebracht. Das entspricht meiner Meinung nach nicht der Intention Frau Bachs.

Ein Punkt, den er völlig außer Acht lässt, ist die Intermedialität. Musik und Film sind im Alltag der Jugendlichen im Buch wie in der Realität Normalität. Vielleicht betont er es deshalb nicht. Im Jugendbuch ist die Verknüpfung zu allen Medien und deren Referenz ein Diskussionspunkt. In diesem Buch ist sicher kein Anlass zu der Vermutung gegeben, dass es sich um Anbiederung an die Jugend handelt. Es ist nicht der Anspruch Frau Bachs sich ihre Jugendlichkeit durch einen Jugendroman zu erhalten. Sie schreibt aus einer inneren Verbindung von Musik und Sprache, die ihre Begabung kennzeichnet. „Ich glaube tatsächlich, Sprache hat eine Melodie und jeder Autor hat vielleicht auch seine eigene Melodie oder seine eigene Tonart.“(Tamara Bach)

„Schreiben ist für mich nichts Bewusstes“

Tamara Bach im Gespräch mit Bernhard Rank und Gina Weinkauff

Donata, Tochter Venedigs

Besprechung eines historischen Romanes von Donna Jo Napoli

Frau Professor Napoli stammt aus einer italienischen Familie. Da sie in den USA lebt, hat sie vermutlich versucht, ihre italienischen Wurzeln zu ergründen und sich in die Geschichte Venedigs eingearbeitet. Sicherlich nicht zufällig heißt die „Heldin“ Donata in Anspielung auf ihren eigenen Namen. Und schon sind wir mittendrin in der Frage, was denn diesen Roman zu einem historischen Roman macht. Sicher ist Frau Napoli als Linguistin bestens mit den aktuellen Diskussionen über das Entstehen von Geschichte durch das Schreiben bestens vertraut. Geschichte ist gestaltete Erinnerung. Sie wird im historischen Kinder-und Jugendroman immer in einem Spannungsfeld zwischen Unterhaltung, Gegenwartsbezug, Fiktion und Faktum angeboten. Was ihr den Begriff der Zwittergattung einbrachte. Das genau kann man in diesem Roman gut erkennen. Wir lernen durch Donata das Alltagsleben aus vielen Aspekten im Venedig des 16.Jhds kennen. Ereignisse, Gesetze, Lebensumstände, Handel und Leben wird uns präsentiert durch ein Mädchen, das die Stadt erkundet und doch gleichzeitig ein Teil von ihr ist.

Dabei erfahren wir die Einzelheiten nicht durch eine Aufzählung, sondern eine Ich-Erzählung. Die Renaissance der hist.KJL ermöglichte eine subjektive Perspektive auf die Geschichte durch neue narrative Erzählformen. Donata erzählt uns ihre Erlebnisse, Gedanken und auch Gefühle. Wir erleben Venedig anhand eines Entwicklungsromanes, in dem geschichtliche Personen, Ereignisse und Lebensverhältnisse narrativ mit der Fiktion von Donata und ihrer Familie dargestellt werden.(Papst Johannes XXII, Tizian, Erlass der Großen Rates 1297, Handelsabkommen über Rohstoffe wie Wolle, Holz, die Inquisition, das Erbrecht, die Stellung von Mann und Frau, die Kindersterblichkeit, Judenverfolgung, venezian. Gerichtsbarkeit) Von der Typologie liegt Donata zwischen dem dokumentarischen hist.Roman, bei dem es um eine detailgetreue Abbildung hist.Wirklichkeit geht und dem realistischen hist.Roman, in dem eine fiktive Handlung in einem scheinbar realistischen Rahmen spielt. Donata beschreibt besonders am Anfang wie in einer Aufzählung so viele Einzelheiten aus dem Leben Venedigs, dass es eine Aneinanderreihung wird, in der die Dramaturgie stoppt.

Das alte Venedig

Wie andere Autorinnen auch richtet Frau Napoli die Aufmerksamkeit auf das Sozial-und Alltagsleben. Und gerade moderne Emanzipationsbestrebungen bilden den Rahmen für Donatas Entwicklung. Ihre Bedürfnisse sich anders zu entwickeln und an Bildung teilhaben zu wollen, sowie Entscheidungen über ihr Leben selber fällen zu dürfen, sind aus den heutigen Sichtweisen entlehnt und bilden den Gegenwartsbezug. Denn die AdressatInnen dürften in erster Linie Mädchen ab 12 Jahren sein, die histor. Romane interessant finden, zumal, wenn sie von Selbstfindung und erster Liebe in ihren eigenen Fragen angesprochen werden. Allerdings darf man in diesem Zusammenhang die Frage stellen, ob die Fiktion durch die heutige Frauenfrage nicht zu sehr belastet wirkt. Denn Menschenrechte, Lebensbedingungen, Architektur, Handel, Arbeitsbedingungen, gesellschaftl. Strukturen, Familienleben sind ja auch Themen, die in diesem sehr vollen Roman bewältigt werden müssen. Intensiv wird auch das Leben der Juden in Venedig behandelt.

Diese vielen Aspekte werden durch eine Dramaturgie erlebbar gemacht. Donata steht im Mittelpunkt der Handlung als „mittlere Heldin“ die sich ihres Standes bewusst wird und die Suche nach den epischen Wahrheiten formuliert. Dabei dürfen wir nicht zu genau Donatas Handeln untersuchen nach realistischer Umsetzbarkeit. Lassen wir diesen Aspekt außen vor, so erfahren wir viel über die Geschichte Venedigs. Die Kommentare zu den Rezensionen drücken den Zwiespalt zwischen Faktum und Fiktion aus. Entweder sie sind begeistert oder ganz und gar ablehnend. Wer eine wirklich spannende Geschichte erwartet wird enttäuscht, denn das Faktum steht im Vordergrund. Wer auf angenehme Art etwas über das alte Venedig erfahren möchte, ist hier richtig.

Ein tolles Buch! Fletcher Moon von Eoin Colfer

IMG_1591Eoin Colfer hat sich mit Fletcher Moon einen Wunsch erfüllt, nehme ich an. Denn es ist der pure Spaß an einem Detektiv-Roman, der ihn dazu getrieben hat mal so richtig in die Klischeekiste zu greifen und einen klassischen Detektivroman zu schreiben. Während Artemis Fowl zu den großen Werken gehört, ist dieses Buch einfach aus Lust  entstanden.

Da trifft die Kritik an Unfertigem oder nicht Ausgebautem gar nicht. Darum geht es nicht.

Wenn man den Roman aus dieser Perspektive ansieht, begegnet einem alles, was zu einer Kinderdetektivstory gehört.

Fletcher ist ein Denker. Und sonst zeichnet ihn auch gar nichts aus. Deshalb ist es für ihn immens wichtig, dass er sich eine Detektiv-Marke erarbeitet hat. Damit kann er beweisen, dass er etwas kann. Und wie es sich für einen Kinderdetektiven gehört, kann er nicht allein über das Nachdenken den Fall lösen, weil es die liebe Leserschaft noch nicht durchhält. Also kommen abenteuerliche Ereignisse hinzu, die den Spannungsbogen aufrechterhalten. Er bekommt einen Kompagnon, der komplementäre Eigenschaften mitbringt. So gelingt es ihnen gemeinsam, sich von den Vorwürfen zu befreien und den wirklichen Täter zu finden. Fletcher ist mit seinem Auftreten ein Antiheld. Niemals geht er aggressiv auf andere zu. Nichts bekommt er von allein. Er ist kein Superman. Seine Ausbildung zum Detektiv hat er über eine Akademie absolviert. Dadurch hat er in der Tat ein Wissen für die Lösung der Fälle im Kopf. So wie andere Kinderdetektive sich an Aussprüche bekannter Vorbilder erinnern, rezitiert Fletcher das Handbuch der Bernstein Akademie. Das ist eine lustige Idee. Genauso witzig sind die Klischees, die Colfer in die Geschichte einbaut. Da ist nicht der große literarische Anspruch. Nein, es soll einfach beim Schreiben und beim Lesen Spaß machen. Und das tut es!!!!!

Wenn die Mädchengruppe ausschließlich in rosa herumläuft und auch der Hund rosa trägt, ist es nicht aus Versehen. Dick aufgetragen und zwar in alle Richtungen hat der Autor. Das erkennen die jungen LeserInnen sehr wohl und kommen mit den merkwürdigen Kritiken der Erwachsenen gar nicht zu recht. Zu Recht!IMG_1592

Was für eine Biographie-Hannah Ahrendt

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Hannah Ahrendt

Eine so interessante Biographie zu schreiben, ist nicht leicht.

Nebenbei fließen die Ereignisse aus dem Lebensumfeld oder der Zeitgeschichte von Hannah Ahrendt ein und verknüpfen sich zu einem Teil der Geschichte, die nun besser zu verstehen ist. Das Schöne ist auch, dass wir es aus einer anderen Perspektive wahrnehmen als gewöhnlich, denn Frau Ahrendt hat ja als Vertriebene und ganz knapp in Amerika Gelandete dort gelebt.

Der Aufbau Deutschlands oder die Entwicklung Israels, der Vietnamkrieg und die McCarthy-Ära aus amerikanischer Sicht, sind hier nur kurz aufgezählt, um den Gedanken mit Bildern auszumalen.

Wenn Hannah Ahrendt das Thema ist, dann ist Philosophie ein zwingender Bestandteil. Dazu hat sich Herr Dr. Alois Prinz mit den philosophischen Ansätzen der Beteiligten auseinandergesetzt. Ich bekomme beim Lesen die Grundgedanken von Heidegger, Jaspers, Ahrendt und Nebenfiguren dieses Lebens gut erklärt, verwoben mit der Entwicklung von Frau Ahrendt.

Nun keine Angst, Herr Dr. Prinz ist als Sohn eines Tischlers aufgewachsen und hatte keine Bücher, mit denen er groß wurde. Erst später konnte  er seinem Interesse zu lesen nachgehen. Was für uns wunderbar ist, denn er schreibt nicht, wie zu erwarten wäre bei diesem Thema in unverständlichen Sätzen. Meine Idee ist dazu, dass es ihm selber so wichtig war, dass er es unbedingt verstehen wollte. Und so kann er in klaren Sätzen die philosophischen Ansätze dem Leser wiedergeben. Ein Thema erwähnte er bei einem Vortrag, bei dem es über ein ganz anderes Buch von ihm ging (Petrus). Daher denke ich, dass ihn in der Auseinandersetzung mit Hannah Ahrendts Ideen, diese Gedanken selber sehr bewegt haben:

„Die Öffentlichkeit ist die Bühne, auf der Menschen hervortreten und sich mit <Lust> zeigen können. Im gegenseitigen Austausch eröffnet sich dann etwas, das mehr ist als die Summe der Einzelnen, ein <Zwischen>, das alle übersteigt und von dem her sie sich selbst und andere besser verstehen können. “

Gemeint ist nicht die Öffentlichkeit, die alles flach und platt macht im Durchschnitt, wie wir es leider gewohnt sind.

Die Fähigkeit, die gebraucht wird zu einer in der Öffentlichkeit ständigen Kommunikation, ist die Fähigkeit zur Popularität. Keine unverständliche Sprache, sondern der Wille sich mitzuteilen und anderen zu zuhören, Rede und Antwort zu geben und keinen auszuschließen.

Das ist heute immer noch Utopie. Verstecken sich doch viele hinter ihrer „Fachsprache“ oder (un-)gebildetem Ausdruck. Doch so etwas wie „social media“ (web2.0) kommt dem näher. 🙂

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Beruf Philosophin oder Die Liebe zur Welt- Die Lebensgeschichte der Hannah Ahrendt

Dr. Alois Prinz – Beltz&Gelberg

Meinen früheren Post zu Alois Prinz gibt es hier.

Kinderkrimis

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Nur hinein?????

Krimis in der Kinder- und Jugendliteratur sind das Thema für die Hausarbeit im November. Nun stöbere ich durch die Texte, die uns vorgeschlagen wurden. Mal sind es eher Texte über die Anziehungskraft von Krimis, einer wertete die sozialen Rollen aus, die erst im Krimi konstruiert und dann auf die lieben Kleinen übertragen werden. Besonders trifft das für diejenigen zu, die die ganze Serie verschlingen. Und da kommen schon mal über 50 Bände zusammen. Zum Beispiel bei TKKG. Frau Gisela Bürki verweist auf eine Analyse der Redewiedergaben. In dieser Serie wurden alle Redewiedergaben untersucht. Und nun stellt sich heraus, dass Tim, der Anführer, mehr redet, länger redet, mehr gefragt wird und öfter von sich in der Ich-Form spricht. Gabi dagegen ist eher ruhig und zrückhaltend und wird dann eingesetzt, wenn es sich für Mädchen geziemt. Ihr Fazit: Es wird in in dieser Serie klischeehaftes und konservatives Verhalten vorgelebt.

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Was könnte uns das sagen?

Mir fällt dazu eine Erlebnis ein, dass wir als Familie auf dem Kinder-Film-Festival Lukas hatten. Als Vorfilm wurde uns der neueste TKKG-Film gezeigt. Und wir, die wir so viele anspruchsvolle Filme gesehen, ja erlebt hatten, waren perplex über diesen Kommerzschnipsel. Was mir besonders aufstieß, war die Technikfeindlichkeit. Neue Technologie= Unglück wurde transportiert. Die anwesende Regisseurin konnte dazu nicht wirklich antworten, ist meine Meinung. Schon Hannah Arendt hat die feindliche Einstellung der Europäer zu neuer Technologie kritisiert. Ich stimme ihr da zu.

Jungen und Lesen

Herzerfrischend ist dieser Beitrag zum Thema Jungen und Lesen und hoffentlich in jeder Schulbibliothek umzusetzen.

Und besser kann man gar nicht zeigen, wie wenig Literatur, die Frauen nach ihren eigenen Kriterien aussuchen für die Jungen geeignet ist.

Manfred Theisen by Amazon

Manfred Theisen by Amazon

Das Thema der weniglesenden Jungs ist in der Büchereiarbeit natürlich ständig präsent. Anfang 2008 hat der Borro in Köln eine Fortbildung zum Thema „Kann denn Lesen männlich sein?“ angeboten, an der ich teilgenommen habe. Referent war Manfred Theisen, selber Autor und „Leseförderer“.

Als Erstes hat uns Herr Theisen einen Fragebogen bearbeiten lassen, der uns Teilnehmern die Erklärung für Begriffe aus der Jungenkultur abverlangte. Solche Sachen z.B. wie: Wer oder was ist Vin Diesel? Oder: Was ist Hellboy? Oder : Wann ist Abseits? Oder : Welcher Autor ist der Guru für Counter-Strike-Spieler etc.

Die Antwort konnte jeweils mit multiple choice gefunden werden. Ich wusste nicht eine einzige Antwort (ja, nicht mal Abseits ganz genau! Peinlich!) Mit dieser Demonstration wollte uns Herr Theisen ein Gefühl dafür geben, wie schwierig bzw. unmöglich es für uns KÖB-MitarbeiterInnen sein muss, geeignete Lektüre für Jungs auszuwählen, wenn wir so wenig über deren Lebenswelten und Interessen wüssten. (Er sprach von Jungs ab ca.12). Wenngleich ich diese Herangehensweise an das Thema etwas eindimensional fand (nicht jeder 12-jährige hat Erfahrungen mit Counter-Strike), ist vielleicht doch ein Fitzelchen Wahrheit dran: Ob das nun an der Suche nach Geschlechtsidentität liegt oder am Mithaltenwollen bei der Beschleunigung in der Welt der Medien – irgendwann so im Alter zwischen 9 und 12 Jahren verlieren wir die meisten Jungs.

Vielleicht auch deshalb, weil wir LiteraturvermittlerInnen uns nicht für das interessieren, wofür sie sich interessieren. Ein ganz interessanter Artikel zu der Art und Weise, wie Jungs lesen, ist vom Autor Jörg Sommer in der Zeitschrift „Schule im Blickpunkt“ 2007 erschienen.

Wer sich für die Bücher und Manfred Theisen interessiert, der findet hier Infos . Ein Foto von ihm ist unter cc-Lizenzen nicht erhältlich, also lasse ich es weg.


Shaun Tan

Was ist das denn nun wieder?

Graphic novels?  Heidernei! Wieder einmal für eine Fortbildung muss! ich mir dieses Buch : „Geschichten aus der Vorstadt des Universums“ anschauen.

Brrrr, dachte ich mir beim ersten und zweiten Blick. Die Bilder gefielen mir nicht.

Dann hatte ich im Kopf, dass die aktuelle kjl&m Graphic Novels als Thema hat und versuchte es noch einmal. Denn es muss ja wohl was dran sein. Die Geschichte „Unsere Expedition“ kann man komplett bei Carlsen anschauen. Ich quälte mich ein wenig über die ersten Seiten. Was mir auffiel, war eine gute Übersetzung. „Ferner Regen“, das über die unzähligen nie vorgelesenen Gedichte erzählt, ist wirklich gut übersetzt. Das beeindruckte mich dann schon. Und die Idee, die hinter diesen Zettelchen und abgerissenen Schnipseln steckt auch. Na gut, ein Pluspunkt.

Was mich dann vollends überzeugte war, dass mir Eric über den Weg lief. Das hier ist Eric:

Eric von Shaun Tan

Eric von Shaun Tan

Er wohnt in dem Buch in einer Kaffeetasse. Und genau dort ist er mir begegnet. Eric ist ein „Austauschschüler“ und wohnt bei einer Familie. Er bewohnt aber nicht das angebotene Zimmer, sondern die Speisekammer und dort diese Tasse:

Eric wohnt in der Kaffeetasse

Eric wohnt in der Kaffeetasse

Immer wieder überlegt die Familie, dass es wohl etwas kulturelles sein muss, dass ihn so anders macht. Er interessiert sich für „Wegwerf-oder Abfallartikel“. Und zum Schluss, als er wieder geht, hinterlässt er etwas besonderes, um seinen Dank auszudrücken.

Und dieser Eric war in meiner Kaffeetasse. Ich habe ihn sofort erkannt. Leider konnte ich keinen Kontakt herstellen. Ich habe aber verstanden, warum er so und nicht anders aussehen muss. Es ist der Kaffeesatz, der in der Tasse zurückbleibt und bei leichtem Kippen sich genau in die Form begibt, die Eric ausmacht. Jetzt ergibt auch der Satz auf der Rückseite des Buches einen Sinn:

Shaun Tan entschlüsselt die kleinen, verborgenen Geheimnisse des Alltags.