Archive for the ‘Fernkurs der Kinder-und Jugendliteratur’ Category

Wie spiegelt sich unsere Demokratie im aktuellen Jugendroman wieder?

Heute war das Abschlussgespräch für meinen Fernkurs in der Stube.

Ziemlich genau zwei Jahre sind nun vorbei, in denen ich eine zeitlang über den unterschiedlichsten Texten gesessen habe. Angeregt durch die Skripte kam ich durch Recherche zu Primär- und Sekundärliteratur, die so nach und nach durch gelesen werden wollte. Es gibt eine Menge an Links, die ich unbedingt noch einmal ansehen wollte und wohl nie mehr ansehen werde. Dabei bin ich auf wertvolle Quellen gestoßen, die mir auch zukünftig helfen werden, Fragen zu beantworten. Ich kann jetzt AutorInnen unterscheiden und mir ein Bild machen von dem was aktuell auf dem Markt angeboten wird. Als letzte Prüfungsvorbereitung diskutierte ich auf der Buchmesse mit den unterschiedlichsten Verlegern. Über Flattersatz oder farbigen Hintergrund, Buchvermarktung und die Entwicklung von Krimis. 🙂

Meine Vorbereitung auf das Abschlussgespräch hatte ich mir klar gegliedert und auch genauso durchgeführt. Oh Wunder! Dabei merkte ich zwar, dass nicht jeder Begriff saß, doch es war eine Ursuppe entstanden. Damit fühlte ich mich recht sicher auf die möglichen Fragen eingehen zu können. So ist es auch gekommen. Die Frage, die ich nur mehr so ungefähr behalten habe war: Sie haben Artemis Fowl und ShaunTan ausgewählt in der Leseliste. Beide haben Phantastisches. Wie schätzen Sie das ein?

Uff!!!

Ich hatte das so noch nie betrachtet. Und dann fiel mir zu beiden Büchern so viel ein, dass es vielleicht nicht im ersten Satz beantwortet werden konnte, doch klar wurde, dass mir dazu etwas einfallen würde.

Das von mir selbst gewählte Thema hieß: Wie spiegelt sich unsere Demokratie im aktuellen Jugendroman wieder?

Es war als Idee einfach da. Woher nun dieser Gedanke kam, weiß ich nicht. Wenn man Stuttgart 21 ansieht, dann lag die Demokratiefrage vielleicht in der Luft.

Das Fazit zuerst: Unsere Demokratie spiegelt sich in vielen Facetten im Jugendroman wieder, auch wenn kein/e Autor/in das beabsichtigt hat.

Als Untersuchungsgegenstand wählte ich ausschließlich aktuelle Jugendromane aus diesem Jahr. Dann teilte ich die Bücher anteilig auf Männer und Frauen auf. Alle AutorInnen sollten in Deutschland aufgewachsen sein, damit es auch ein „gültiges“ Ergebnis geben konnte. Anschließend stellte sich die Frage nach einer möglichen Entwicklung der Demokratievorstellung. Also versuchte ich die AutorInnen aus möglichst vielen Jahrzehnten zu bekommen. Diese Aspekte zusammen gab der Markt nicht her. Erstaunlich viele ältere Autoren haben in diesem Jahr Bücher veröffentlicht. Hm!!!

Bei den Autorinnen klappte es mit etwas Sucherei recht gut und so sah meine Auswahl dann so aus:

1)Auserwählt           Patricia Schröder 1960

2)Asphaltspringer  Rusalka Reh 1970 Melbourne

3)Schattenschwingen  Tanja Heitmann 1975 Hannover

4)“Und im Zweifel für dich selbst”Elisabeth Rank 1984 Berlin

5)Sayuri  Carina Bargmann 1991 (Hannover?)

Für die Männer ging es nicht auf. Dort ist der Gesamtaltersabstand nur 16 Jahre.

1)Arkadien erwacht   Kai Meyer 1969

2)Echte Cowboys  Stephan Knösel 1970

3)Virag oder wenn die Welt verrutscht  Andreas Schendel 1971

4)Im Funkloch  Falko Löffler 1974

5)Ich, Elias   Luca Bloom 1975

Zu bemerken ist, dass Luca Bloom wohl eine Frau ist. Zumindest fand ich einen Link dazu. Es war zu dem Zeitpunkt, als ich das herausfand zu spät für einen Ersatz. Mir hat zum Schluss sogar die Stadtbücherei geholfen passende Autoren zu finden. Es gab keine.

All diese Bücher hätte ich mir zum Lesen nie herausgesucht und habe Schätze dabei gefunden: „Asphaltspringer“ von Rusalka Reh, „Im Funkloch“ von Falko Löffler sind meine Favoriten. Gut finde ich noch „Sayuri“ von Carina Bargmann und „Echte Cowboys“ von Stephan Knösel. „Arkadien erwacht“ war mein erster Meyer und das Lesen hat mir Spaß gemacht. Es flutscht halt.

Alle Bücher hatten Aspekte zum Thema Demokratie. Zum Beispiel findet man die Innenansichten, die Elisabeth Rank aufgeschrieben hat in Menschen wieder, denen das gesellschaftliche Leben nun aber auch gar nichts sagt. Andreas Schendel schreibt über Menschen die krank sind. Wobei die Grenze zwischen gesund und krank eben nicht klar ist. Wunderbar, wie er ausdrückt, dass man Menschen begleiten muss und nicht anpassen. Na, zu fast allen Büchern gibt es hier ja eigene Artikel.

Hervorheben möchte ich „Sayuri“ von Carina Bargmann. Frau Bargmann hat etwas neues in ihr Buch eingebaut. Die Jugendlichen, die sich gegen die Verschlechterung der Lebensbedingungen wehren, organisieren sich auf moderne Art. Sie treffen sich in ihren Vierteln, weil Vertrauenspersonen alle zusammenrufen. Und dann informieren sie sich gegenseitig. Nun gibt es keinen gemeinsamen Beschluss, den alle durchführen, sondern alle überlegen selbst, was sie in diesem Fall tun können und machen es dann. Es gibt Versuche, die fehlschlagen. Es gibt Leute, die lieber nichts machen. Viele Projekte klappen gut und sind so effektiv, weil die Leute etwas machen, was sie besonders gut können und selbst verantwortlich sind. Es hat etwas von einem flashmop. Und die Aktionen können von den Machthabern nicht vorhergesehen werden. Es gibt nicht die große, allmächtige Organisation, die einheitliche Beschlüsse durchführen lässt. Kleine bewegliche unterschiedliche Trupps sind unabhängig voneinander unterwegs. Klasse!

Wer mehr darüber wissen möchte, was ich herausfand, stöbere im Blog oder frage nach bei mir.

Susanne Janssen-Hänsel und Gretel

Diese Hausübung fiel mir bei der Prüfungsvorbereitung in die Hände.

Sie hat mir beim wiederholten Lesen doch noch gefallen und so pflanze ich sie in mein Blog.

Hänsel und Gretel von Susanne Janssen

Aus ganz eigenem Interesse heraus, wählte ich das Buch“ Hänsel und Gretel“ von Susanne Janssen, denn das Buch weckte in mir Zweifel, ob denn so ein Märchen dargestellt werden könne.

Das Volksmärchen, das die Gebrüder Grimm aufschrieben, ist eines der berühmten, großen Märchen. Allein das Wort Mär ist mit dem Wortstamm „berühmt“ und „groß“ verwandt. Und so enthält diese Mär alle typischen Bestandteile eines Märchens, die bedeutende Ängste und Fragen von Kindern und überhaupt allen Menschen bearbeiten und zu ihrer guten Lösung führen.

Seelische Erlebnisse(Ängste) und Weisheiten früherer Generationen werden in Symbolen dargestellt und durch Wunder allgemeinmenschliche Probleme gelöst. Dabei geschehen die Wunder wie selbstverständlich. In einem unbestimmten Schauplatz(großer Wald) werden Hänsel und Gretel wiederholt von den Eltern ausgesetzt, von der Hexe angelockt und durch die eigene Kraft befreit, was einen linearen und stereotypen Handlungsverlauf zeigt.(Kätzchen/Täubchen auf dem Dach) Neben der Hexe gibt es die mit ihr verknüpfte Stiefmutter, die eindeutig böse Charaktere sind. Während Hänsel und Gretel die guten Figuren darstellen. Die Figurenkonstellation ist also klar aufgeteilt. Die Sprache ist zwar ungewöhnlich für uns heute, doch sind die Sätze einfach im Aufbau und der Wortwahl. Was noch auffällt ist, dass es sich um ein Märchen mit in sich geschlossenem Weltbild handelt. So wie es ist, ist es und wird nicht in Frage gestellt.

Das von Frau Janssen dargestellte Märchen bietet eine neue Perspektive. Es wird nicht verniedlich und bunt aufgepeppt als Kinderleselernbuch angeboten, sondern als eine aus heutiger Sicht überarbeitete Fassung.

In der Fassung, die wir als Kinder vorgelesen bekamen, gab es kaum Bilder. Und wenn, dann zeigten sie Hänsel und Gretel auf dem Weg oder das Hexenhäuschen. Doch alles andere entwickelte sich im Kopf. Die Fassung von Frau Janssen bringt mit der Ausgabe als Bildermärchenbuch eine weitere Komponente in das Märchen hinein und spiegelt damit die moderne Zeit, in der wir viel mehr über das Sehen erleben. Dabei verändert sie einen klassischen Bestandteil des Märchens. Während im Grimmschen Volksmärchen die Handlung im Vordergrund steht, kommen durch die Darstellung der Kinder, der Eltern und der Hexe die Figuren zu einer aufgewerteten Bedeutung. Ja, sie gestaltet die Personen durch die Art der Technik gleich mit. So wird die Farbe Rot durch den Einschuss in den Hirsch auf dem ersten Bild gleich definiert als tödliche Gefahr. Sie erscheint natürlich bei der Hexe und bei der Stiefmutter und bei allerlei Getier im Wald und Wasser. Der Vater und die Stiefmutter sind hager und drücken die Not durch alle Körperteile greifbar aus. So ist die Nacktheit der Eltern stimmig. Sie haben nichts mehr. Das sie dadurch auf die falsche Lösung ihrer Probleme kommen, ist ein für alle Zeiten gültiger Aspekt. Die mangelnde Möglichkeit, sich dem anderen noch zuwenden zu können, spricht aus den Gesichtern aller.

Auf den ersten Seiten wird die Familie als Einleitung mit denkbar größten Buchstaben vorgestellt. Das unterstützt zum einen die Bedeutung der Personen in dieser Märchenfassung und hebt die

Bedeutung der Worte hervor. Das Märchen will uns „etwas sagen“. Es scheint unfassbar groß zu sein.

Überdimensionale Käfer/Schmetterlinge/ Ameisen/Blumen zieren den Text. Stoffe,  Fotoausschnitte, Malerei sind als gemeinsame Bestandteile der Bilder enthalten. Die Gesichter sind stark expressionistisch überzeichnet. All dies sind Ausdrucksformen unseres (und Ende des letzten) Jahrhunderts.

Und, um diesen Part zu beenden, ist das Versetzen des großen Waldes in die Großstadt eine Veränderung, die uns das Märchen wieder näher bringt, da ja eigentlich dort unsere heutigen Gefahren lauern.

So gesehen, gefällt mir diese Herangehensweise an das Märchen Hänsel und Gretel gut. Nichts von der Dramatik wird herausgenommen. Die Farbwahl (schwarz/Rot) unterstützt zusammen mit der Bildgestaltung die Aussagen des alten Textes. Die Unschuld der Kinder, die Unfähigkeit der Eltern in den Gesichtern und besonders den Augen auszudrücken, kommt unserer Sehweise entgegen. Meine anfängliche Zweifel sind einem Staunen gewichen und ich werde weiter auf den Bildern nach Unbekanntem suchen.

Falko Löffler- Im Funkloch-Buchbesprechung

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Dieses Buch kann ich allen Schulen empfehlen.

Die Geschichte läuft in zwei Strängen auf einen Zeitpunkt, das Ende zu und teilt sich so in kurze Kapitel auf, die man gut bewältigen kann. Eine Klassenfahrt wird aus Sicht von Samuel beschrieben.

Dann ist alles in Echtzeit und völlig nachvollziehbar.

Der Autor hat ein paar Fotos mitgebracht von der Recherche zu diesem Buch. Seine Internetseite dazu ist nett gemacht.

Es ist besonders gut für Jungen geeignet.

Es gibt eine kleine Liebesgeschichte. Die ist einfach normal und darum so schön. Nichts von dem Superhelden oder der Superfrau, nee, einfach zwei Teenies, die sich mögen. Mit soviel Abstand beschrieben, dass man es gut aushalten kann.

Der eigentliche Schwerpunkt ist die Beschreibung der Mitschüler und der Klassensituation, die Hilflosigkeit der Lehrer im Umgang mit einem höchst aggressiven Schüler, das Wegschauen aller Verantwortlicher. Doch nicht im Vorwurf. Die Situation entwickelt sich, alle reagieren genauso, wie es im Alltag auch wäre und trotzdem geht es gut aus.

Was bei einem Krimi mit „gut“ gemeint ist, verrate ich jetzt nicht.

Der eigentliche Krimi hat etwas von einem Frankfurt Krimi. Klar tobt es durch die Stadt, sehen wir etwas von der City. Wir erleben Lebensgefühl der jungen Leute und erfahren von deren Problemen, die ja doch die immergleichen in allen Zeiten sind. Doch der eigentliche Tatort ist in einem Funkloch, auf der Klassenfahrt, mitten im Wald.

Ich habe mich gedanklich mal in die eine, mal in die andere Richtung verrannt. Es ist nicht klischeehaft und dadurch auch nicht einfach auflösbar. Toll !!!!

Schattenschwingen-Buchbesprechung

Das Buch „Schattenschwingen“ von Tanja Heitmann habe ich gelesen, weil es von vielen gelesen wurde und ich mir ja die Frage stelle, wie sich unsere Demokratie im aktuellen Jugendroman widerspiegelt.

Das Lesen war harte Arbeit. Warum lesen dieses Buch so viele?

Wie andere RezensientInnen beschrieben, erinnert die Geschichte an die Biss-Romane. Die Schattenschwingen leben anfangs mit den Menschen zusammen und kommen dann mit mehr oder weniger Glück in die Sphäre. Dort ist ihr eigentliches zu Hause. Hä???? (Das ist hessisch und heißt: Wie bitte?)

Schattenschwingen können wie die Vampire mehr als Menschen und doch haben beide Welten ihr gutes. Gähn….

Wer Engelsgeschichten liebt, liegt da bestimmt richtig. Und im Krankenhaus liegend, könnte ich mir schon vorstellen,

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so etwas zu lesen. Es tut nicht weh und regt nicht auf.

Die Liebesgeschichte ist von einer wundersamen Bella/Mila geprägt. Da sich das Ganze ja auf drei Bücher erstreckt, müssen im ersten Band einige Dinge angelegt werden. Konflikte, Potentiale, Wege,….

Milas Mutter wird ganz witzig konstruiert. Überhaupt sind die Frauen aktiv und gestaltungsfreudig. Alle können irgendetwas und geben nicht auf. Das gefällt mir natürlich.

Gut und Böse kämpfen gegeneinander. Immer wieder wird man vorbereitet auf den Kampf den Sam, der Freund/Geliebte von Mila auf sich nehmen muss. Ab und zu kommen grünlich angehauchte Statements zu Politik oder Umweltschutz. Doch gleich zurückgenommen durch einen Kommentar wie zum Beispiel von Rufus, Milas Bruder.

Vielleicht ist das Ausagekräftigste eben, dass sich so viele am liebsten in eine Scheinwelt flüchten möchten und deshalb dieses Buch lesen? Lieber keine Stellung beziehen und so herrlich ungezwungen bleiben. Die einfache Formel Gut-Böse ist leicht zu verstehen und reicht wohl für das Gefühl aus, auf der richtigen Seite zu stehen.

Damit wäre es eines der Bücher, die eben jenen Teil der Bevölkerung ansprechen, die sich zumindest zwischendrin mal wegträumen müssen. Es bringt garantiert nichts voran.

Echte Cowboys von Stephan Knösel

Ja! Ja, der ist gut. Dieser Jugendroman enthält so viele Aspekte, dass ich ihn mit gutem Gewissen empfehlen kann. Gerade männlichen Lesemuffeln kann man ihn neben das Bett legen.

Herr Knösel hat einige Zeit in einer Videothek gearbeitet. Er hat seine Zeit wohl gut genutzt und die besten Szenen aus allen Filmen in einem neuen Zusammenhang in dieses Buch eingearbeitet. Hui, es ist alles andere als langweilig.

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Ich bin ja keine Krimiguckerin und Klischees finde ich auch oft doof. Doch in „Echte Cowboys“ sind sie nicht. Für mich zumindest gehen die angefangenen Szenen immer anders aus, als ich vorher denken mochte.

Es sind eigentlich Orte oder besser Drehorte, die sich in einem entwickeln. Die Nacht in Toms Elternhaus oder die Bergdorfhütte von Nathalies Großmutter, die Schule, die Eisdiele, das Heim,… An diesen Orten und in Echtzeit verbinden sich die Geschichten der drei „lonesome cowboys“ miteinander.

Wir erfahren immer mehr über sie und können deren Entwicklung miterleben. Es ist kein pädagogischer Zeigefinger zu sehen. Die Situationen werden durch die Jugendlichen mit ihrem eigenen Wertesysteme gut bewältigt.

Zuerst einmal müssen die drei natürlich glaubhaft einsam werden. Dazu werden die Eltern nach und nach entfernt oder die Abwesenheit erklärt. Diese haben ohnehin mehr Probleme als ihre Kinder. Die Jugendlichen reagieren nachvollziehbarer und richtiger. Sie haben durch ihre Eltern tiefe Verletzungen erfahren. Die sich entwickelnde Freundschaft untereinander hilft ihnen, mit ihrem Leben besser klarzukommen. Doch das ist alles nicht übertrieben komponiert. Die Eltern haben keine gute Position in diesem Buch. Das allein zu dem Zweck, die Jugendlichen hervorzuheben. Und dann darf es, in einer erdachten Story wie dieser, auch mal sein. Wenn ich die Lage der Eltern heute auch als definitiv schwierig ansehe.

Einzig Cosmo kommt mir stellenweise wie ein Held vor. Er kann nicht gut schwimmen. Das ist aber auch schon alles. Was der hinbekommt!! Und mutig ist er, doll!

Ha, es werden Kondome verwendet. Das ist absolut hervorzuheben. Sie mit einzubauen, ohne das es doof wird, ist ja immer noch selten. Hier ist es gelungen.

Am Ende gibt es einen dramatischen Höhepunkt. Da ist in der Geschichte eigentlich schon alles klar. Es kommt zu einer gefährlichen Situation, die aus drei Freunden nur noch zwei macht und doch für alle zu einer Lebensverbesserung führt. Ich sehe es eher als filmischen Schluss. Dieses Buch wird garantiert verfilmt.

Zuwendung und Verbundenheit

Der Fernkurs zu Kinder-und Jugendliteratur ist abgeschlossen. Es finden weiterhin Abschlussgespräche statt. Und ich habe diesen Beitrag  noch in das Forum gestellt, weil ich daran glaube, dass es Verbesserungen geben kann. Auch wenn sich jetzt noch nichts abzeichnet.

Mein Thema für das Abschlussgespräch beschäftigt sich mit dem Thema: „Wie spiegelt sich unsere Demokratie im aktuellen Jugendroman wider?“

Das hat mich zu interessanten Seiten im Bereich der Demokratie geführt und mich bekannt gemacht mit den Überlegungen, der repräsentativen Demokratie durch Elemente der direkten Demokratie mehr Leben einzuhauchen. Denn die Entwicklungen im letzten Jahrhundert haben aus uns mehr und mehr demokratisch denkende Mitmenschen gemacht, die sich nicht mehr alles ungefragt aus der Hand nehmen lassen wollen. Die aktuellen Probleme in unserer Gesellschaft, die oft mit Politikverdrossenheit beschrieben werden, haben u.a. ihren Hintergrund darin, dass die Unzufriedenheit mit den Entscheidungen der „gewählten Elite“ gewachsen ist. Andererseits trauen wir es uns auch zu mitzureden und mitzuentscheiden. Zumindest in einigen Bereichen.
Eine gute Entwicklung!

Einen Text zum Thema direkte Demokratie, den ich empfehlen möchte, habe ich unten verlinkt. Dort werden Bedingungen beschrieben, die es Menschen ermöglichen, sich demokratischer zu verhalten.
Hier ein Ausschnitt:

>>Ohne Verbundenheit bin ich ebenso frei wie ein Astronaut,
der einsam und haltlos im luftleeren Raum rund um seinen
Schwerpunkt kreist. Dieser Astronaut kann durchaus
willkürliche Bewegungen machen, aber die Position seines
Schwerpunkts gegenüber anderen Objekten kann er nicht
beeinflussen, da er jede Verbindung zur Aussenwelt verloren
hat. Wenn ich keine Bindung zu anderen herstelle, wird
mich selbst die erhabenste Handlung innerlich nicht berühren
und teilnahmslos lassen. Ohne Verbundenheit besitze
ich nicht die Freiheit zu Veränderungen. Erst durch meine
Verbundenheit verändere ich mich selbst durch mein Tun.

Wir verstehen dies noch deutlicher, wenn wir die elementarste
Erscheinungsform der Verbundenheit betrachten, nämlich
die Zuwendung. Zuwendung ist die Fähigkeit des menschlichen
Geistes, dem anderen in der eigenen Vorstellungskraft
Raum zu bieten. Zuwendung zielt ihrem Charakter nach auf
die Wahrheit ab. Sie bildet die Vorstufe für das Denken. Zuwendung
bietet sowohl Raum für sinnliche Eindrücke als
auch für Gedanken und Gedankengänge. Wir beziehen uns
auf das Andere, indem wir ihm zunächst und vor allem unsere
Zuwendung schenken.

In einer starken Demokratie hören die Menschen einander zu, es finden gesellschaftliche Diskussionen statt und man korrigiert sich
gegenseitig. Die besten Ideen der Menschen werden unter
demokratischen Verhältnissen sozusagen herausgefiltert,
da wir die Schwächen anderer besser wahrnehmen als die
eigenen Fehler. Der eigentliche Beschluss jedoch, der Augenblick
der Abstimmung, ist eine individuelle Angelegenheit.<<

Nehme ich mal an, dass diese Gedanken richtig sind, dann kann ich daraus eine Kritik an diesem Kurs formulieren.
Denn sicherlich habe ich als Individuum eine Menge gelernt in den letzten zwei Jahren- doch eine wirkliche Verbindung, ein Austausch, der eine bestmögliche Lernsituation schafft, den hat es nicht gegeben. Wir haben für uns persönlich an den Themen gearbeitet und so im eigenen Fett geschmort. Darüber hinaus konnte es nicht gehen. Die notwendige Zuwendung und die Verbundenheit konnte vielleicht vor Ort in Wien praktiziert werden. Nicht jedoch außerhalb.

Im gleichen Zeitraum nahm ich an einem weiteren Kurs teil, der auch online geleitet wurde. Die drei TeamleiterInnen waren für unsere Fragen da und ermöglichten auch ein Forum. Sie antworteten, wann immer sie Zeit hatten. Ein Austausch entwickelte sich und auch das Forum begann sich untereinander zu helfen oder Infos weiter zu geben. Wir lernten uns und unsere Institutionen online kennen. Viel lebendiger und intensiver vermittelte sich der Lernstoff. Viel angenommener und ernstgenommener habe ich mich gefühlt. Dabei gab es unterschiedliche Auffassungen und mal Missverständnisse. Eben alles, was in der Kommunikation so geschehen kann.

Das soll sagen, dass wir, obwohl wir einzeln arbeiteten, doch verbundener lernten und dadurch mehr und vielseitiger lernten.

Wenn wir uns im Stube-Forum austauschen dürfen, dann ist es nicht dasselbe, als wenn mit der Stube eine rege Diskussion stattfindet, an der alle teilhaben können. Denn isoliert per E-Mail konnte man ja alle Fragen stellen, die man fragen wollte und sie wurden beantwortet.
Wir sind alle mehr und mehr auf dem Weg unser Leben selbst zu gestalten. Dabei stoßen wir auch auf Strukturen, die uns nicht gut tun. Hierarchische Strukturen unterbinden – demokratische Strukturen ermöglichen.

Der Link zum Text: http://bit.ly/czaLl9

Asphaltspringer

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Gar nicht leicht zu sagen, was einem hier alles begegnet. Das Famose ist, dass man vieles auch zu Ende denken muss. Manches ist nicht ausformuliert. Es liegt in der Luft. Durch das Mitdenken wird man so einbezogen und direkt beteiligt, dass mich das Lesen dieses Buches aktiviert hat.

Und noch etwas merkwürdiges ist mir geschehen. Ich bekam eine Ahnung davon, wie die Geschichte wohl weiter gehen könnte und war echt genervt. Denn das war ein hartes Thema, mit dem ich mich eigentlich gar nicht konfrontieren wollte. Doch während ich das Buch wieder in die Hände nahm und weiterlas, veränderte sich das Erwartete in Unerwartetes. Trotz der unangenehmen Problematik wollte ich ohne Unterbrechung weiterlesen. Es entstand ein spannender Prozess, der sich bis zum Schluss weiterentwickelte. Schwerpunkte waren die Thematik des Romanes und der Charakter des Ich-Erzählers Dipper. Ich erzähle jetzt nichts.

Mir fiel immer wieder der Roman von Luca Bloom ein: Ich, Eias. Auch dort gibt es Jugendsprache, Sex und Alkohol. Doch Frau Reh hat das soviel einfacher und glaubwürdiger konstruiert. Die Sprache wird selber Thema, wenn Dipper reflektiert, was jeder von ihnen so sagt, wenn er redet. Ich sehe die Verwendung von Jugendsprache in diesem Buch nicht als Anbiederung und kann gar nicht erklären warum. Sie richtet sich auch nicht gegen irgendwelche Gruppen der Gesellschaft oder diskriminiert.

Es ist auch immer zu hinterfragen, wie eine Frau sich in einen jungen Mann hineinversetzen können soll oder ein Autor in eine Frau. Da möchte ich jetzt nicht weiter drauf eingehen. Dipper ist ein junger Mann aus einfachstem Milieu. Seine Freunde leben anders. Das ergibt ein ganz großartiges Nebeneinander von Szenarien. Es geht keinem wirklich gut. Jeder hat sein großes oder sehr großes Päckchen zu tragen. Und diese Päckchen gibt es eben wirklich. Dann spielt alles in einer Großstadt. Dort treffen sich die jungen Leute zum Parkour. Wenn ich es richtig verstanden habe, sehen sie die Bauten einer Stadt nicht als Einrichtung mit fester Nutzung, sondern als Herausforderung, diese in ihre Wege mit einzubauen. Dazu benötigen sie Kraft und Geschicklichkeit und Wachsein. Sie trainieren ausdauernd ihren Körper und ihren Geist, um die „Figuren“ des Parkours wirklich zu beherrschen. Dabei übertreten sie die Grenzen des Normalnutzers. Und es ist durchaus gefährlich, wenn sie ihre Kraft falsch einschätzen.

Für mein Thema „Demokratie“ ist zu einem spannend, wie diese Gruppe ohne sich ständig mit dem Status der anderen zu vergleichen klar kommt. Ja, die Ansagerei, das Bestimmen von Jay oder Corone sind für Dipper eine Frage. Und weil er an der ersten Liebe und seinen Fragen wächst -wieder im Gegensatz zu „Elias“-kann man dieses Buch als Entwicklungsroman bezeichnen.

Ich finde Städte ja klasse. Sie bieten immer noch mehr Möglichkeiten als das Land. Wenn wir sie etwas menschenfreundlicher bauen, dann wird ihr Nutzen deutlicher werden.

Zum anderen ist die Frage ungelöst, wie der Staat mit Gegnern des Staates umgeht. Durch einen Zufall, den es eben auch gibt (Da fällt mir die Frau ein, die ihr Rad an der Frankfurter Uni vorbeischob, als die Polizei gerade die Mensa räumte.), kommen die jungen Leute in Konflikt mit der Polizei. Die aus einem ganz anderen Grund ihnen gegenüber Vorurteile hat. Es ergeben sich blitzschnell Verwicklungen, die keine vernünftige Auseinandersetzung mehr zulassen. Auf einmal ist die Staatsmacht mit im Spiel. Und die Polizisten haben ihrerseits Angst. Da geht dann nichts mehr. Für einige der neuen „Stadtguerillas“ist das ein Thema. Egal ob sie verboten Blumen pflanzen oder Schilder um malen. (Stopp war)

Ich kann es nur empfehlen. Was für ein Buch!

Carina Bargmann: Sayuri

Sayuri: Das zu schreiben war viel Arbeit und hat sicherlich auch Spaß gemacht.

Da muss es noch einen Folgeband geben. So ist zumindest das Ende aufgebaut.

Anfangs war mir gar nicht klar, wer wer ist und was das alles soll. Irgendwie wurde ich durch die Namen verwirrt(zwei japanische und sonst fantasievolle Namen aus der ganzen Welt). Es wird eine andere Welt als unsere beschrieben. Neben Fremdem gibt es auch Vergleichbares. Und die Menschen sind ein großer Teil dieser anderen Welt. Durch kleine Details wird versucht die Andersartigkeit beizubehalten. Zwei Monde oder Fabelwesen, andere Pflanzen. Für meinen Blickwinkel interessant ergeben sich zwei Strukturen in dieser Welt. Einmal gibt es die stark Hierarchische und zum anderen die spontane Arbeitsstruktur Gleichwertiger. Frau Bargmann hat den Roman als noch nicht Volljährige geschrieben. Sie ist mit den aktuellen Fragen um unsere Demokratie groß geworden und gibt die für mich auch in meinem Umfeld sichtbaren Antworten dieser Generation. Das finde ich spannend.

Ihre jugendlichen Helden leben in einem Stadtstaat, der ein Kaiserreich ist. Den Anspruch auf dieses Amt hat ein ganz bestimmter Mensch. Denn er kann etwas, was ihn/sie zum Retter der Gesellschaft macht. Es geht um Wasser. Daher kann dieses System auch gar nicht in Frage gestellt werden. Allerdings werden die Menschen schlecht „verwaltet“. Und da hagelt es Kritik, denn Teile der Gesellschaft werden vom Wichtigsten ausgeschlossen. Dafür gibt es keine wirklichen Argumente und so protestieren die Unterdrückten. Das tun sie nun ihrerseits nicht mit organisiertem Handeln. Es gibt in allen Stadtvierteln unabhängig handelnde Organisationen(Banden). Und die treffen sich, verbunden durch besonders angesehene Menschen an unterschiedlichen Orten. Ich würde es einem „flashmob“ gleichsetzen. Es gibt eine spontane Verabredung und alle Angesprochenen kommen dazu. Es werden Informationen ausgetauscht. Doch was jeder macht, entscheidet er selbst. Da können Gemeinschaftsaktionen herauskommen oder eben nicht. Darin soll dann die besondere Stärke liegen. Jeder macht das, was er kann.

Das geht dann auch mal schief. Und es wird gehandelt auch wenn man weiß, dass ein Teil der anderen nicht einverstanden ist. Es wird nicht um Einheit geworben oder gar Druck ausgeübt. Zum Glück haben unsere Helden immer die stärksten Anführer bei sich und können am besten argumentieren.

In der letzten großen Schlacht ist es notwendig sich zusammenzuschließen. Der Feind ist so offensichtlich überlegen. In diesem Falle ordnen sich alle einem gemeinsamen Plan unter. Das ist nur an dieser Stelle des Romanes so. Die Zentauren, die unseren Helden helfen sind wieder klar militärisch aufgestellt.

Organisationen, die zu einer Aktion aufrufen und eine festgelegte politische Position haben werden nicht als Option zum Handeln herangezogen. Das, denke ich, ist genau das, was heute Jugendliche über unseren Staatsaufbau empfinden. Organisationen werden in ihrer Struktur und der inhaltlichen Vorgabe als nicht sinnvoll für das eigene Handeln gesehen. Es entstehen neue Formen, wie bestimmte Gruppen sich zum gemeinsamen Handeln zusammenschließen. Und nur, weil man eine Aktion zusammentat, heißt es nichts über die Übereinstimmung in anderen Fragen. Diese Vorstellung über gesellschaftliche Aktivität hat Frau Bargmann schön in ihrem Roman verarbeitet. Ich bin gespannt, ob es sich auch in unserer Realität so entwickeln lässt. Es nimmt die gestiegene Individualität und die so unterschiedlichen Biographien besser auf.

Darüber habe ich mich gefreut in diesem Roman.

Es gibt auch Kleinigkeiten, die nicht so ganz stimmig sind. Das liegt, glaube ich, am Alter der Autorin und verschwindet irgendwann von allein. Auf Seite 417 beschreibt sie, wie Marje erstaunt wahrnimmt, wie schnell die Leute im zerstörten Minenlager beginnen sich einen neuen Lebensalltag zu organisieren und vermutet, dass sie über die traumatischen Erlebnisse hinweg gekommen sind. Das kann natürlich nicht sein. Doch das Überleben zu organisieren ist eben lebensnotwendig. Wem fällt so etwas im Text schon auf? Ich bin halt an dieser Stelle ins Grübeln gekommen und war draußen.

Egal, eine tolle Geschichte.

Auserwählt von Patricia Schroeder

Er liest sich gut, dieser ganz und gar ausgedachte Roman. Es ist wie immer bei Frau Schröder ein Liebesroman. Diesmal liefert den Rahmen dafür ein krimihafter Aufbau mit einer Verstrickung in eine Sekte. Das wird sogar richtig spannend. Yara ist 16 und erlebt ihre Mutter als eine nicht wirklich fassbare Frau, die in einem langen Streit mit ihrem Mann lebt. Dazu gehört noch die kleine Schwester. Wir erleben mit, wie die Mutter auch ihre Töchter in eine Sekte hineinzieht.

Wir folgen diesem Roman aus der Sicht von Yara. Sie ist die Ich-Erzählerin, die uns in ihre Gedanken blicken lässt und aus deren Begegnung mit den anderen Charakteren sich der Roman aufbaut. Alltagssituationen vermischen sich mit außergewöhnlichen esoterischen Erfahrungen. Ja und natürlich ist die erste Liebe für Yara die letztendlich wichtigste Erfahrung. Es gibt eine begrenzte Anzahl von Charakteren. Die vier Familienmitglieder, eine Mitschülerin und den Freund, und natürlich Mitglieder der Sekte.

by amazon by Fischer Verlag

Die Mutter ist die Verführte und der Vater der Bodenständige. Da ist gut und böse gleich klar. Das ist bei den wenigen Personen notwendig, stößt mir aber unangenehm auf. In allen Familien, die in Berührung mit der Sekte kommen, sind es die Frauen, die verführt werden. Sie lösen sich aus dem Familienverbund und zahlen viel Geld für ihre Teilnahme an Seminaren. Was gut verständlich wird ist, wie die Verstrickung zwischen erstrebenswerten Zielen im Verhalten und Unterordnung schleichend voranschreitet. Das hat mir gut gefallen. Allerdings darf man nicht zu genau darüber nachdenken, denn manches scheint fragwürdig. Besonders die Konstruktion der Mutter ist da zu nennen. Sie ist mißbraucht worden von ihrem Vater. Das ist ihr Grundkonflikt. Interessant ist mal zu sehen, was denn aus den mißbrauchten Kindern wird, wenn ihnen nicht geholfen wird. Denn es ist eben nicht so, dass Gewalterfahrungen einfach weggesteckt werden. Die Mutter also hatte keine professionelle Hilfe und trägt diese Verletzung und Verunsicherung in sich. Dadurch wird sie nun leicht zum Opfer für seelenfrieden versprechende Gurus. Ihr wird eine Therapie vorgeschlagen am Ende des Romanes. Was nun nicht passt ist, dass genau diese Frau Diplompsychologin sein soll. In der Ausbildung müssen sich alle werdenden TherapeutInnen auf eigene Analysen einlassen. Das sie daraus so gar nicht verständiger herausgehen soll, ist fragwürdig. Zudem arbeitet sie bei Pro Familia. Sorry, da gibt es sicher auch abgedrehte Menschen, doch ist diese Arbeit so gar kein Zuckerschlecken, dass mir das mit Esoterik nicht zusammenpasst. Vielleicht gibt es das ja. Ich kenne Pro Familia nicht so.

Was mir gut gefallen hat, war die Vermischung von anstrebenswerten Zielen mit der Aufgabe der eigenen Selbständigkeit. Denn die Verführung passiert ja nicht offensichtlich, sondern eher subtil. So fordert die Mutter vom Vater im Grunde keine völlig falschen Dinge. Das Loslassen von überkommenen Anforderungen und Werten; das sich Besinnen auf die Gegenwart und nicht ständig Grübeln; das Liebe nur dann groß sein kann, wenn man den anderen nicht für seine eigenen Defizite mißbraucht , was keiner von uns ohne Anstrengung kann…..Da steckt ja ganz viel drin, was uns allen gut täte. Der Wunsch nach einem besseren erfüllteren Leben führt nun in diesem Falle in eine verschlechterte Lage. Denn nicht die Selbstbestimmtheit wird erreicht, sondern eine Pseudozugehörigkeit zu einer Gruppe. In der herrschen von außen nicht mehr beeinflussbare Regeln, die eine Unterdrückungshierarchie aufbauen. Das wird einfach und klar aufgezeigt.

Wer mal einsteigen möchte in die Thematik als junge Leserin, dem kann ich dieses Buch empfehlen. Doch gefallen mir die Verkürzungen der Personen und die Klischees nicht. Sie gießen nur Öl in eine unaufgeklärte Mediensensationskampagne. Auch wenn ich an Yaras Gedanken manchmal zweifele, weil sie so erwachsen klingen, so erscheint sie doch als aktive und gescheite junge Frau, die sich ihren Weg suchen will. Das ist mir in einem Jugendroman ein wichtiger Aspekt.

Ich, Elias von Luca Bloom

Wenn ich mir die Rezensionen durchlese, die Jugendliche zu diesem Buch geschrieben haben, dann sind doch einige LeserInnen sehr zufrieden und ich sehe mich wieder eher am Rand stehen. Nach den ersten 30 Seiten wollte ich das Buch weglegen. Die Art und Weise, wie über Mädchen geredet und gedacht wird, hat mich sehr angestrengt.

Zum Glück sah ich in meinem Frust noch einmal nach den Rezensionen. Und hätte Ulf Cronenberg nicht eher begeistert über das Buch geschrieben, wäre es das Ende gewesen.

Doch durch die Beschreibung gab ich Herrn Bloom, der eine Frau ist noch eine Chance. Und wirklich: Ab der Mitte werden andere Worte benutzt, kommt wirkliche „Liebe“ und damit ein Wandel in der Ausdrucksweise hinein. So wie Elias innerlich in diese Liebe wächst, wächst auch dieser Roman und verbessert sich die Glaubwürdigkeit der verwendeten Sprache.

Am Anfang ist es kaum zu ertragen, wie mies sich Elias selber beurteilt. Auch die Beziehungen, die er führt sind absolut unbefriedigend. Nichts ist da, was ihn groß werden lässt. Dazu die abwertenden Bezeichnungen für Frauen wie „Sportlesbe“ für die in einer Frauen-WG lebenden Sportlehrerin. Nee!! Das fand ich zu dick aufgetragen vom Autor. Das mag ich auch nicht.

Der dramatische Höhepunkt ist das Zusammengeschlagenwerden durch einen ihm unbekannten Mann. Elias war von einer etwas älteren Frau verführt worden -also zwei Menschen möchten zusammen Sex erleben – und ihr Mann rächt sich an Elias dafür.(HÄ?) In der Öffentlichkeit wird Elias brutalst zusammengeschlagen und getreten. Niemand hilft. So ein Erlebnis löst bei den Opfern traumatische Erfahrungen aus an deren Folgen sie lange leiden.

Nicht so Elias. Er sagt auch noch, dass ihm das zu Recht geschehen wäre. (!!!!!!)

 

Wenn ich aus meinem Blickwinkel: „Wie spiegelt sich die Demokratie im aktuellen Jugendroman wider“ auf dieses Buch schaue, dann sieht es ganz mau aus. Alle Personen werden nicht ernst genommen, abgewertet. Das Ende lässt Elias zurück in einer Trauer, aus der man ihn nicht wachsen sehen kann. Ich verstehe den Wunsch von LeserInnen nach einem zweiten Teil. Was ist denn mit Elias geschehen? Das alles fehlt. Na klar kann man Bücher schreiben, die eine bestimmte Situation beschreiben und wie man sich darin fühlt. Für die positive Weiterentwicklung, hin zu einer besseren Welt dient dieser Roman nicht. Da ist nichts in den Charakteren, nichts in der Story, was man mitnimmt. Es ist eher wie eine Cola. Trinken und fertig.

Würde unsere Gesellschaft das Prinzip der unversehrten Intersubjektivität(*) achten und wir uns alle als gleichwertig anerkennen, dann gäbe es diesen Roman nicht. Insofern sagt er schon etwas über unsere „Demokratie“ aus.

 

 

(*) Verena Kast: Vom Sinn des Ärgers

Seite 205