Virag oder wenn die Welt verrutscht

Oops- was war das denn? Ehe ich irgendetwas begriffen habe, ist das Buch schon zu Ende. Was war das? Was sollte ich denn hier erleben?

Erst bei der Lektüre der Rezensionen, die alle am Ende hier verlinkt sind, verstehe ich mehr. Jeder einzelne Satz ist wichtig. Die Aussagen und Gedanken von Virag sind das, was wichtig ist. Dabei erzählt der Erzähler über Virag und nicht sie über ihre Gedanken. Das schafft und erhält eine Draufsicht und Distanz zu ihr. Ganz sanft sind die Sätze. Unspektakulär ist, was sie erlebt.

Sie verhält sich komisch. Das fiel mir aber gar nicht so auf, denn ich kenne viele Kinder, die auch „so“ reagieren. Ich fand’s nicht dramatisch. Und trotzdem landet Virag (mit 11 Jahren) in einer Kinderklinik.

Ihre Eltern haben handfeste Probleme und dadurch eine anhaltende Ehekrise. Trotzdem sind beide noch da und kümmern sich um ihre Tochter. Und doch wird Virag in dieser Situation so krank, dass sie dem normalen Alltag nicht gewachsen ist. Mehr noch- ihre Welt verrutscht.

von Andreas Schendel

Sie kommt wieder in die Klinik und bleibt dort. Was sie genau hat, wird ihr nicht gesagt und das löst zusätzliche Ängste aus. Ich kann auch nicht verstehen, warum ihr keiner was sagt. So ohne Anhaltspunkte leben zu müssen. Wie in einem Warteraum ohne Ausgang. Immer wieder suche ich nach Andeutungen über ihre Erkrankung. Da ist nichts. Jedenfalls nicht für Laien.

Vielleicht soll das ja gar nicht im Mittelpunkt stehen. Es geht um die psychischen Erkrankungen an sich, die Kinder heute mehr und mehr bekommen? In ihrem Zimmer ist ein anderes Mädchen mit einer ganz bekannten Erkrankung. Ihr „Fall“ ist absolut eindeutig. Weitere Patienten, denen Virag dort begegnet, haben nachvollziehbarere „Gründe“ warum sie einfach nicht mehr normal sein können. Doch gerade über die Hauptperson erfahre ich nichts klareres. In den Rezensionen wird erklärt, dass Virag beim Versuch die Ehe der Eltern und ihr Bild von einer heilen Umwelt zu retten, scheitert. Gut, kann ich einsehen. Doch mir ist das beim Lesen nicht klar geworden.

Gut gefallen hat mir, dass Virag von ihren Eltern ernst genommen wird. Sie vertuschen nichts. Sie klagen sie nicht an. Sie versuchen Hilfe zu beschaffen. Erfahren sie, dass Virag auch ihretwegen krank wurde? Könnte das ihr Leben ändern? Darauf ist der Fokus nicht gerichtet. Es geht um Virag und wie sie selber versuchen kann, ihrer Welt feste Punkte zu geben. Ein Punkt ist die wohltuende Ordnung des Ablaufes innerhalb der Station.

Die Grenze zwischen krank und gesund ist fließend. Das wird in diesem Buch ganz deutlich.

Wären wir doch nur schon alle soweit den Kindern bei ihren Problemen zur Seite zu stehen, anstatt sie nur anzupassen.

Hier kommen die lesenswerten Links:

Ulf Cronenberg– ein Interview mit dem Autor Andreas Schendel im DLF– die FAZ– und ungarische Literatur in deutscher Sprache

Genau, da fällt mir noch ein, dass Virag eine ungarische Mutter hat. Sie wächst zweisprachig auf und erlebt dies als Bereicherung. Ein wunderbarer Aspekt.

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