Das andere Lager

Geh in meinen Schuhen ein Stück von Seite-3Alex spricht mich an, als ich um die Ecke biege. Er wüsste nicht, wo die U-Bahn von hier aus wäre und im Übrigen sei er Alex und er würde gerne mit mir walken gehen und ……So schnell war Alex nicht zu bremsen. Ich änderte meine Route, die ich mir zur Entspannung an diesem Nachmittag ausgesucht hatte und brachte ihn ein Stück des Weges.

Schnell stellte sich heraus, dass Alex krank war. Er meinte, unablässig nur von sich redend, dass er physisch und psychisch erkrankt sei. Und wegen seiner vielen Erkrankungen könne er an den Leistungsanforderungen eines Berufslebens nicht mehr teilnehmen und sei deshalb verrentet worden. Er lebe nun von ganz wenig Geld, doch sei es ok. Er sei nun im anderen Lager und dann erzählte er vom betreuten Wohnen.

Der letzte Satz machte mich stutzig. Wieso drückt er das Nichterwerbsleben als das andere Lager aus? Nach einer Weile fand ich den Begriff ganz gut, später treffend. Im einen Lager sind die Berufstätigen, im anderen die Nichtberufstätigen. Die Berufstätigen leisten etwas und sie bestimmen, was wichtig in unserem Leben ist. Zum Beispiel werden BibliothekarInnen als etwas sehr wertvolles angesehen. EhrenamtlerInnen gehören in das andere Lager. Sie sind nicht so „richtig“. Sie machen schon was, aber das zählt nicht so. Und außerdem kann man den Wert schon daran erkennen, dass sie gar kein Geld bekommen.

Alle unsere Helden in der Kinder-und Jugendliteratur sind aus diesem anderen Lager. Kein Mensch würde sich diese Geschichte durchlesen, wenn Harry Potter arbeiten gehen würde.Oder Artemis Fowl brav in die Schule ginge oder Pipi eine Lehre als Schreinerin machte. Die Zeit, in der alle Geschichten spielen, ist die Zeit, in der man nicht berufstätig ist. Kinder und Jugendliche sind meist in den Ferien oder außerhalb vom Alltagszwang, wie bei Enid Blyton oder durch Krankheit aus dem normalen Leben gerissen, wie Jonathan von Ralf Isau oder gar ganz tot, wie bei Lindgrens „Die Brüder Löwenherz“.Ein Herz für Fantasy von akhater

Auch in der Realität hat diese Zeit, die wir vor der Schule, in den Ferien, als Erkrankte und als Rentner erleben in jeder Hinsicht eine hohe Bedeutung. Jede/r, die/der als Nichtberufstätiger lebt, weiß, dass es neben der Berufswelt, die eigentliche Welt gibt. Dort wird auch unendlich viel gearbeitet nur nicht bezahlt. Dort werden sozialen Kontakte gepflegt, dort wird creativ gedacht und sehr viel ausprobiert. Klar gibt es auch viel Leid und Probleme, doch vieles läuft eine Spur mitmenschlicher. Alle Menschen kommen aus diesem Lager -vor der Schule- und gehen – als Rentner- dorthin wieder zurück.

Die Berufstätigen leben in einer Parallelwelt daneben. An einigen Stellen gibt es Berührungspunkte. Im Haushalt, den ja fast alle irgendwie bewältigen müssen und auch im Beruf, beim Ehrenamt z.B. Dort treffen Menschen aus der Berufstätigkeit zusammen mit Menschen aus dem anderen Lager. In diesem anderen Lager gelten bessere soziale Werte. Es gibt mehr Gelassenheit, weniger Stress, mehr Gestaltungsspielraum. Man kann anders leben und aus anderen Gründen handeln. Das können Berufstätige nicht.Zukünftiges von Michaelthurm

Warum wird dieser Teil der Gesellschaft so abgewertet? Es ist unser gesellschaftliches Ziel, unsere Zukunft. So zu leben, dass wir die Arbeit möglichst selbstbestimmt und aufgrund eigener Motivation vollbringen. Genau das tut Ehrenamt.

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2 responses to this post.

  1. Posted by chuintement on 30. Juli 2009 at 18:36

    In diesem anderen Lager sind aber auch Leute, die ebenfalls nicht „berufstätig“ sind, aber dennoch sehr hart für ihr Geld arbeiten, wie z.B. die Verkäufer von Straßenzeitungen oder Straßenmusiker oder einfache Bettler und Schnorrer. Ich glaube, in deren Welt gibt es nicht gerade unbedingt die besseren sozialen Werte oder irgendwelchen Gestaltungsspielraum.
    Fiel mir nur gerade beim Lesen so auf.
    Ansonsten gebe ich Dir recht: ehrenamtliche Arbeit wird viel zu wenig anerkannt. Dadurch scheint es schwierig, ohne „normale“ Berufstätigkeit ein sinnvolles Leben inmitten der Gesellschaft zu gestalten, ohne sich nahezu ausschließlich in so einer anderen eigenen Welt zu bewegen. Wird z.B. durch die mit Hartz IV verbundenen Zwänge auch nicht gerade erleichtert.
    Naja, unausgegorene Gedanken. Muss noch ein wenig drüber nachdenken.

    Antwort

    • Ein wirklich vielseitiges und schwieriges Thema!
      Ich stimme Dir absolut zu.
      In dem Moment, indem wir an die Systemfragen geraten, kann es nur heißen: Dagegen kämpfen. Es ist so ungerecht. Und ich möchte für alle SchülerInnen ausreichend viele BibliothekarInnen, LehrerInnen; gute Eltern; eine Welt. die sie möchte. Ich tue, was ich kann. Und darum bin ich auch in meinem Job. Wir müssen weiter darüber nachdenken. Ja!

      Antwort

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